Beziehungswahn and the Machtschiene

Letzten Sonntag war ich auf dem Florence & The Machine Konzert in Frankfurt am Main. Ich liebe ihre Musik. Sie erinnert mich an ruhige Wohngegenden in England, wo der Bus alle zwei Stunden fährt, und an den atmosphärisch-blauen Himmel am frühen Abend im Sommer in der Ukraine. Ich mochte auch meine Vorstellung von der Sängerin. Sie sieht ,,verbraucht“ aus, älter als sie ist, das mag ich total. Ich versuche den medialen Hype um sie zu vergessen und spiele mit einem Beziehungswahn, beziehe ihre Musik nur auf mich. Das mache ich total oft mit Musiker_innen und es macht Spaß, denn es ist nichts schlimmes dabei, es sind nur Gedanken und Gefühle, eine Strategie, sich der Realität zu entziehen und Traumwelten aufzubauen. Für jeden Song eine. Deswegen laufe ich keinen Schritt ohne Musik, da kenn‘ ich nix. Warum muss ich mich der Kackscheiße auch akkustisch exponieren? Boah, wie sehr das weh tut, die Kopfhörer abzusetzen und die scheinbare ,,Realität“ zu betreten.

Diese Realität betrat ich auch letzten Sonntag. Mit einem etwas mulmigen Gefühl, erbost über das rassistische Musikvideo zu ,,No Light, No Light“ und die Positionierung á la Nicht-Positionierung der Band dazu. Ich hatte jedoch keine Kapazität um darüber nachzudenken, weil dann der treue Panikschwindel kam. Zu viele Menschen waren da, ich war übermüdet. Zufällig getroffene Bekannte überfielen mich mit Umarmungen und Küsschen links, rechts. Zähne zusammen gebissen, das wird schon, als Strategie den Beziehungswahn überlegt. Ein geliebter Mensch war mit mir da, das gab Kraft und Hoffnung.

Nach einer furchtbaren The Killers-Coverband als Support, deren Namen ich vergessen habe, irgendetwas mit Smegma, die nur auszuhalten waren, weil wir nicht sicher waren ob die_der Gitarrist_in eine Frau ist und weil wir ach so plötzlich das Klo auschecken wollten, ging‘s dann endlich los. Beziehungswahn-Traumwelt adé. Ich schaue in das Publikum: 30% Florence-Look-a-Likes, sabbernde Pärchen, Macker, Hippies. Sie fangen an rumzubouncen als würde in der Dorfdisko endlich 50 Cent gespielt werden. Bei jedem Song die gleichen Bewegungen. Florence hat ein Gewand an, das aussieht wie eine grüne Gardine aus Viktorianischen Filmen oder als hätte sie einen Violinenkasten geplündert . Sie hat sich das Haar in Unschulds- Schäfchen-Zöpfchen hochgesteckt. Augen zu – die Musik ist schön, Gesang etwas leise.

Schwindel – Augen auf. Meine Vorstellung von der Sängerin zerbricht schlagartig an ihren Motivationssprüngen und an den Worten, die aus ihrem Mund kommen. Setzte ich meine Brille ab, weiß ich nicht mehr ob ich bei einem PUR-Konzert bin, oder ob diese graziösen Handbewegungen nur Schattenspiele in einem Theaterstück seien. Spätestens nach dem zweiten Lied weiß ich: Florence ist ein Hippie. Ich schaue mich um nach Wursthaaren: 1,2,3,…scheiße. Schwarze Background-Sänger_innen, die besser singen können als Florence Welch, wurden ganz nach hinten in die Ecke gestellt. Florence spricht: Nationalistische Anpreisungen an Frankfurt und Germany. Wie sehr sie alles und jede_n liebe. Das Publikum jubelt. Ich blende aus. Meine eingeknickte Hoffnung darauf, den Beziehungswahn zu den Songs aufrechtzuerhalten will irgendwie immernoch nicht weg. Ich tanze, ich singe, ich lache. Gleichzeitig merke ich, dass ich so Machtstrukturen reproduziere. Und dass ich kurz vorm Zusammenbrechen bin, weil ich mit meinen Gedanken und Gefühlen nicht in diesen Raum passe. Das wird mir spätestens dann deutlich, als Florence die Menschen im  Publikum auffordert,  sie sollten ihre geliebten Menschen hochheben. Was sehen wir? Lauter Frauen, die auf den Schultern ihrer Typen sitzen. Wir wollen sie mit etwas abwerfen, aber uns wurden ja unsere Trinkflaschen abgenommen. Abgesehen davon, dass ich jetzt nichts mehr sehe,  kann ich auch nicht mehr zuhören.

Die Krönung kommt zum Schluss: Florence Welch fordert alle im Publikum auf, sich zu küssen. Ich möchte im Boden versinken. Ich schaue mich gar nicht erst um. Aber das brauche ich nicht, denn ich spüre zwei Hände, die in meine Pobacken kneifen. Ich drehe mich um: es ist mein Bekannter, der grinst und so tut als wäre das alles ja voll lustig gemeint und er wäre ja auch schwul, das ist dann kein Sexismus, keine sexualisierte Gewalt. Ich möchte ihm in dieses Gesicht schlagen, aber ich finde keine Kraft, keinen Raum. Stattdessen packe ich ihn an seinem Kragen und ziehe ihn an mich ran ,,Wenn du das noch einmal machst…!“ Es ist nicht lustig gemeint, aber er findet es lustig. Das Publikum findet alles lustig. Florence Welch lacht.

Ob ich es will oder nicht, es bezieht sich auf mich.

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4 Antworten zu Beziehungswahn and the Machtschiene

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Küssbefehl? Hetenperformanz? Tötende Väter? Dann lieber McDonalds’ – die Blogschau

  2. Lea schreibt:

    Ein toller Text. Und eine schreckliche Erfahrung die ich in ähnlicher Weise kenne. Und F&TM kann ich auch nur hören wenn ich nicht nachdenke, besonders nicht über “kiss with a fist”..

  3. Pingback: Vorweihnachtlicher Linkspam

  4. lufra schreibt:

    Ich war ebenfalls bei einem F&TM Konzert. Ich war über das durchaus gemischte Publikum überrascht, ebenso darüber, dass einige Leute, Bäumen ähnelnd, keine Bewegungen zeigten und andere deren Part mit Freude übernahmen.
    Auch hier wurden geliebte Personen auf die Schultern gebuckelt und Küsse verteilt. Das eine nimmt die Sicht, das andere das Gefühl fremdbestimmt zu werden…
    Erinnerte mich an frühe Kindheitstage, in denen Mädchen aufgefordert werden, dem süßen Nachbarsjungen einem Kuss auf die Wange zu drücken.
    Nach Deinem Text habe ich mir das Video angesehen zu dem Lied “No Light No Light”. Ich war und bin entsetzt, denn das Video ist diffamierend.

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